Nachhaltige Entwicklung als kulturelle Herausforderung

Die Augsburger Autorin und Grünen-Politikerin Eva Leipprand hat Ende April einen Vortrag über „Nachhaltige Entwicklung als kulturelle Herausforderung“  in der Evangelischen Akademie Tutzing gehalten, der ebenfalls die „große Transformation“ thematisierte. Ein Gastbeitrag:

Zu Anfang will ich Ihnen eine Geschichte erzählen.

Sie handelt von der Osterinsel – mitten im Pazifik gelegen, ein Paradies, mit riesigen Palmen bewachsen. Um 900 n. Chr. erreichten die ersten Menschen, Polynesier, die Insel. Sie lebten ohne Sorgen, bauten seetüchtige Kanus, legten Felder an, ernährten sich von Vögeln und Fischen, waren fruchtbar und mehrten sich. Sie entwickelten eine blühende Kultur, eine Theokratie mit klaren Regeln für die Gemeinschaft. Sie schlugen riesige Steinskulpturen aus den Felsen und stellten sie auf, als Zeichen der Bedeutung ihrer Häuptlinge, und da es verschiedene Sippen gab, entstand ein Wettbewerb um die größten Figuren, die mit Hilfe von viel Palmenholz transportiert und aufgerichtet wurden. – 800 Jahre später betraten die ersten Europäer die Insel, Captain Cook mit seinem Schiff. Sie trafen auf eine erschreckende Szenerie. Es gab keinen einzigen Baum mehr und nur noch wenige Bewohner in einem elenden Zustand. Und Ratten. Dazu unzählige gigantische Skulpturen, einige noch aufrecht, die anderen umgefallen und zerbrochen.

Diese Geschichte erzählt Jared Diamond in seinem Buch „Collapse“; darin schildert er Kulturen, die aufgrund von unterschiedlichen Faktoren, insbesondere selbstverursachter Umweltschäden, unter Druck gerieten und untergingen.

Hier muss zunächst der Begriff „Kultur“ definiert werden::

„Kultur“ wird meist in zweierlei Bedeutung verwendet – im weiteren Sinne als der Gesamtkomplex, der Religion, Wissenschaft, Kunst, Moral, Gesetze, Gewohnheiten und Gebräuche enthält, das, was der Mensch als Teil einer Gesellschaft erlernt und auch an die nächsten Generationen weitergibt. Die Kultur bestimmt die Art und Weise, wie der Mensch die zunächst chaotisch erscheinende Welt wahrnimmt und für sich ordnet. Wie er sich in der Welt heimisch macht.

Kultur im engeren Sinne (die Künste) liefert die Bilder, Erzählungen, Musik, Tanz, auch Design und Architektur, mittels derer die kulturellen Kodierungen geschaffen, erhalten oder verändert werden können. Das ist die Sprache, mit der eine Gesellschaft über sich selbst reflektiert. Hier entstehen und vergehen die Symbole und Wertsysteme, die Normen, die unsere Gesellschaft bestimmen und zusammenhalten.

Kulturelle Kodierungen

Bei Diamond geht es um Kultur im weiteren Sinne. Er beschreibt in seinem Buch auch, wie manche Kulturen es schaffen, sich an eine veränderte Situation anzupassen und damit zu überleben (z. B. Japan mit seinem Aufforstungsprogramm im 16. Jahrhundert; Holland als Polderland; die Inuit als Jäger und Fischer unter extremen Bedingungen).

Sehen wir uns unsere eigene Gesellschaft an.

Es geht uns gut, wir haben uns in den letzten zweihundert Jahren rasant vermehrt, wir haben eine blühende Kultur geschaffen. Mit unserem Erfindergeist optimieren wir unablässig unsere Lebensbedingungen, um uns immerwährenden Fortschritt zu sichern. Wir glauben an das Wachstum, wir produzieren immer mehr, mehr Autos, mehr T-Shirts, mehr iPhones, wir kaufen einen neuen noch größeren Flachbildschirm, um mit dem Nachbarn mitzuhalten oder ihn womöglich zu übertreffen, und dabei verbrauchen wir unsere Ressourcen und bringen die Gletscher zum Schmelzen und den Meeresspiegel zum Steigen, und es ist durchaus vorstellbar, dass, wenn es in zweihundert Jahren Außerirdische auf diesen Planeten verschlagen sollte, diese sich ähnlich wundern müssen wie seinerzeit Captain Cook auf der Osterinsel. Wie konnten die nur so dumm sein?

Wir müssen aber annehmen, dass die Männer, die auf der Osterinsel die Bäume fällten, so lange, bis keiner mehr übrig war, keineswegs dumm waren, sondern in ihrer Kultur verhaftet; dass sie in der Gewissheit handelten, das Richtige zu tun. Auf jeden Fall fiel ihnen nichts anderes ein. Und genauso ist es heute. Wir wissen ja eigentlich alle irgendwie Bescheid, dass wir ein Problem haben, ein ziemlich großes sogar, darüber lesen wir jeden Tag in der Zeitung. Und wir tun ja auch was, wir fahren öfter mal Fahrrad und kaufen Energiesparlampen. Aber das Klima wandelt sich unerbittlich, alle bisherigen Bemühungen scheinen ins Leere zu laufen. Und wir kennen die Folgen. Aber irgendwie will uns nichts anderes einfallen, als was wir schon immer gemacht haben, das war doch immer gut und hat uns weit gebracht.

Die Kluft zwischen Wissen und Handeln

Es gibt eine Kluft zwischen Wissen und Handeln, und diese Kluft ist auch und wesentlich eine kulturelle. Wir nehmen unsere Umgebung und unser eigenes Handeln nicht objektiv wahr, sondern durch die Brille unserer kulturellen Vorstellungen. Diese Vorstellungen haben wir entwickelt, um besser überleben zu können. Sie waren ein Wettbewerbsvorteil in der Evolution. Sie haben unsere Art ungeheuer erfolgreich gemacht, mit 7 Milliarden beherrschen wir die Welt. Aber genau durch diesen Erfolg hat sich die Situation grundsätzlich verändert. Und nun sind es eben diese Vorstellungen, die uns blind machen; sie hindern uns daran, zu erkennen, was wir jetzt tun müssen, um unsere Zukunft zu sichern. Da können uns die Naturwissenschaftler noch so viel Zahlenmaterial aufhäufen, wir sind bislang nicht in der Lage, adäquat zu reagieren. Deshalb habe ich heute hier auch darauf verzichtet, Sie mit Diagrammen zu Klimawandel und Ressourcenverschwendung zu erschrecken. Wir wollen lieber über die kulturelle Herausforderung reden, vor der wir stehen.

Der Sozialpsychologe Harald Welzer beschreibt in seinem faszinierenden Essay „Mentale Infrastrukturen. Wie das Wachstum in die Welt und in die Seelen kam“, das menschliche Gehirn als ein „biokulturelles Organ“, „dessen Entwicklungsbedingungen nicht allein biologische, sondern immer auch kulturelle sind.“ Es kommt nicht nur auf unsere Gene an, sondern auch darauf, was wir denken. „Lebenswelten sind nicht nur durch materielle und institutionelle Infrastrukturen bestimmt, sondern auch durch mentale“. Welzer legt dar, dass die Vorstellung von immerwährendem Wachstum erst mit der Industrialisierung entstehen konnte, mit der ständig steigenden Nutzung fossiler Energien. Infolgedessen begann auch der Mensch sich selbst als ein Wesen zu verstehen, das immerfort wachsen muss, das sich selbst nicht genügt, sondern sich unter Druck setzen, etwas aus sich machen muss. Dem mittelalterlichen Menschen wäre diese Vorstellung fremd gewesen. Heute ist nichts jemals fertig, die Arbeit hört niemals auf. Wir alle können das an uns selbst beobachten. Das ist die Mentalität des homo oeconomicus. Insbesondere in der Nachkriegszeit wurde Wachstum zum entscheidenden Paradigma – nicht nur in der Wirtschaft, sondern auch für den Staat, um die steigenden Bedürfnisse seiner Bürger befriedigen zu können. Stetiges Wachstum galt – und gilt bis heute – als Voraussetzung für soziale Gerechtigkeit und Frieden. Der Konsum wird dabei zunehmend zur Sinnstiftung, zur Erweiterung des Selbst, die Ware erhält symbolischen Wert. Und dabei verbraucht der Mensch die Ressourcen der Erde, zunächst da, wo er lebt, dann durch immer weiteres geografisches Ausgreifen, und jetzt, nachdem die Endlichkeit der Welt sichtbar geworden ist, zehrt er die Zukunft auf, die Chancen der kommenden Generationen.

Wollen wir diesen Prozess stoppen oder wenigstens verlangsamen – und das ist unabdingbar – müssen wir uns mit den mentalen Strukturen des homo oeconomicus befassen. Wir brauchen einen kulturellen Wandel. Wichtig ist dabei zu sehen, dass diese mentalen Strukturen nicht gottgegeben sind. Dass sie in dieser krassen Form erst in den letzten zweihundert Jahren entstanden und somit nicht, wie oft gesagt wird, angeboren sind.

Die Veränderung von Denkmustern

Dass der Mensch Denkmuster verändern kann, und zwar sehr schnell, können wir – vor allem wenn wir etwas älter sind – alle an uns selber feststellen – der radikale Wandel unseres Alltags innerhalb der letzten zwanzig Jahre, durch die Medien, das Privatfernsehen, die Allgegenwart von Computer und Internet, die Werbung mit ihren – subtilen Botschaften vorgedrungen bis in den letzten Winkel. Die Dominanz des Ökonomischen, der flexible Arbeitnehmer, die Auflösung der Familien, die Ich-AG. Die Veränderung, die wir da erlebten, ist den neuen technischen Möglichkeiten geschuldet, aber auch gemacht, bewusst gemacht  – und das ist entscheidend. Es sind ja viele daran interessiert, die Bilder einzuspeisen, die diese Entwicklung vorantreiben und beschleunigen. Nicht nur die Wirtschaft, etwa durch die Werbung, auch die Politik mit ihren Botschaften. Die Helden des Konsums, die kaufen in Zeiten der Krise. Das Verbrauchen als moralische Pflicht. Das Immer-etwas-wollen-Sollen. Damit wird der Kopf eines Kindes gefüllt, das in unserer Gesellschaft heranwächst, so dass es dann, brav wie es ist, ständig etwas Neues haben will, jedes einzelne ein kleiner Wachstumsbeschleuniger.

Wenn man aber Denkmuster und Wertvorstellungen verändern kann, dann muss das ja auch in eine andere Richtung funktionieren, das ist die große Hoffnung. Seit Jahren wird auf die Bedeutung der Kultur für das Leitbild Nachhaltige Entwicklung hingewiesen. Die Studie „Grenzen des Wachstums“ des Club of Rome hat im Jahr 1972 vor der ungebremsten Ausbeutung der Ressourcen und der Gefährdung der Ökosysteme gewarnt. Donella Meadows, eine der Autorinnen der Studie, hielt schon damals einen Paradigmenwechsel, also eine Veränderung der kulturellen Normen der westlichen Gesellschaften, für unerlässlich. Der Brundtland-Bericht von 1987, mit dem weltweit der Diskurs über Nachhaltige Entwicklung begann, geht ebenfalls von einem umfassenden Wandlungsprozess aus. Entscheidend in diesem Zusammenhang ist auch die UNESCO-Erklärung zur kulturellen Vielfalt von 2001. Artikel 13 der entsprechenden Konvention von 2005 verlangt die „Integration von Kultur in die nachhaltige Entwicklung“.

In Deutschland hat sich unter anderem die Kulturpolitische Gesellschaft frühzeitig mit der kulturellen Dimension der Nachhaltigkeit beschäftigt. 1998 versuchten sich die „Toblacher Thesen“ an einer Definition nachhaltiger Schönheit. Das „Tutzinger Manifest“ verstand die Kultur als „quer liegende Dimension“ zu der Nachhaltigkeits-Trias Ökonomie, Ökologie und Soziales.

Der von der Bundesregierung eingesetzte Rat für Nachhaltige Entwicklung forderte im Jahr 2008 ein „Konzept, die Idee der Nachhaltigkeit zum Thema für Stil, Sinn und Kultur des Lebens zu machen.“ Seit 2010 arbeitet die Enquete-Kommission des Deutschen Bundestages „Wachstum, Wohlstand, Lebensqualität“ und bezieht in ihre Überlegungen auch kulturelle Gesichtspunkte mit ein. Die Frage nach der kulturellen Dimension der Nachhaltigkeit hat also ganz konkret in die Politik Einzug gehalten. Die dreißig Jahre alte Diskussion – Tutzing war hierfür eine wichtiger Ort –  hat erneut Fahrt aufgenommen und entwickelt jetzt endlich wachsende Kraft. Eine Transformation unserer westlichen Gesellschaften steht an, und diese Transformation, das ist inzwischen klar, verlangt einen grundsätzlich neuen, einen nachhaltigen Kulturentwurf.

Die große Transformation

Es ist, so denke ich, heute eine weltweite Suchbewegung erkennbar, nach Wohlstand ohne Wachstum, nach dem guten gelingenden Leben, nach dem mit Lust gestalteten Übergang vom industriellen zum solaren Zeitalter. Diese Suchbewegung lässt sich deuten als Element einer kulturellen Evolution, von der viele den Ausweg aus der Krise erhoffen. Die Front der Evolution heute ist nicht das Gen (für eine genetische Evolution haben wir gar keine Zeit), sondern das menschliche Gehirn, dieses „biokulturelle Organ“, wie Welzer es nennt. Und dieses Gehirn arbeitet und vernetzt sich weltweit. Das Internet spielt dabei eine wichtige Rolle. Kein einzelner Mensch, kein Unternehmen, keine Organisation, keine politische Bewegung überblickt das Ganze. Es ist mehr ein Suchen als ein Wissen. Aber eine Ahnung ist da, dass wir vor Herausforderungen stehen, denen mit den bisherigen Rezepten nicht zu begegnen ist.

Dabei ist unsere Sicht begrenzt, wir bewegen uns tastend in einem chaotischen System; wir können nicht sicher sein, dass die Schritte, die wir gehen, die richtigen sind, dass wir am Ende das finden, was der Mensch braucht, um zu überleben. Aber wir können Evolutionäre sein. Wir können unsere Deutungssysteme zu öffnen versuchen und in Bewegung halten, wir können uns bereit machen, auf Unerwartetes, Seltsames, Niedagewesenes zu reagieren. Wir können evolutionäre Kompetenz entwickeln.

Dafür müssen wir uns kulturellen Brille bewusst werden, durch die wir die Welt wahrnehmen.

Das Hamsterrad des Wachstums

Neben den Arbeiten von Harald Welzer hat mir dabei insbesondere das Buch von Tim Jackson geholfen: „Wohlstand ohne Wachstum. Leben und Wirtschaften in einer endlichen Welt.“ Dieses Buch zeigt die Verstricktheit des Menschen in die Wachstumskultur aus dem Blickwinkel der Wirtschaftswissenschaft. Durch dieses Buch habe ich erstmals begriffen, was im Innersten des Wachstums arbeitet. Der Wachstumsmotor, das ist der Wettbewerb und der ständige Zwang zur Erneuerung, der treibt die Unternehmen an, immer härter, je globaler der Markt wird; er treibt aber auch die Politik an, die das Wachstum braucht, um die steigenden Ansprüche der Menschen zu erfüllen. Denn in einer fatalen Parallele zum Wettbewerb in der Wirtschaft bestimmen Wettbewerb und Wunsch nach Neuem auch den einzelnen Menschen, und keineswegs zufällig. Jackson nennt das die „gesellschaftliche Logik“ der Wachstumskultur. Unser Wunsch nach Neuem spiegelt den Zwang der Unternehmen zur Innovation. Ein wichtiges Bindeglied ist die Werbung. Wir müssen ja alle die Produkte wollen und kaufen, die in ständiger Steigerung der Produktion hergestellt werden. Deshalb wird in unserer Konsumkultur Status und Ware untrennbar miteinander verbunden, so dass der Statuswettbewerb zwangsläufig ein Wettbewerb im Anhäufen des Materiellen ist. Ich muss mit den anderen mithalten, um dazuzugehören, sie womöglich übertreffen, um meinen Status zu halten, der sich in materiellem Besitz ausdrückt, und da dem Verbraucher ständig Neues angeboten wird und deshalb die Ansprüche ständig steigen, wird der Wettbewerb auch zwischen den einzelnen Menschen immer härter. Und wir sind bereit zu glauben, dass dies Freiheit bedeutet.

Die Glücksforschung sagt uns allerdings: von all dem haben wir so gut wie nichts. Ab einem bestimmten Einkommen steigt das Glücksgefühl nicht mehr, im Gegenteil, es nimmt eher ab. Das heißt: wir rackern ganz vergeblich. Oder wie Jackson es ausdrückt: „Wir geben Geld aus, das wir nicht haben, um Sachen zu kaufen, die wir nicht brauchen, um einen Eindruck zu machen, der nicht anhält, auf Leute, die uns eigentlich egal sind.“ Das Hamsterrad des Wachstums, untrennbar verbunden mit der Konsumkultur, hat uns in die derzeitige Krise geführt – auch in die Schuldenkrise, wir machen diese Schulden ja, um das Wachstum aufrecht zu erhalten – und gefährden die Zukunft der kommenden Generationen. Dass dieser Zustand Wohlstand genannt werden soll, leuchtet nicht ein.

Das gute gelingende Leben

Wenn der Mensch aber im Hamsterrad des Wachstums nicht glücklich werden kann, was will er dann? Was braucht der Mensch, um ein gutes, gelingendes Leben zu führen? Jackson zählt die Elemente auf, die viele Forschungen und Umfragen belegen: Wohlstand in diesem Sinne bedeutet im Grunde ganz einfache Dinge. Der Mensch fühlt sich einigermaßen sicher und nicht durch zu große Ungleichheit zu einem ständigen Statuswettbewerb gezwungen. Er lebt in einer einigermaßen gerechten Welt und kann sich in seinen Fähigkeiten entfalten, zugleich aber als Teil einer Gemeinschaft fühlen; er kann darin eine Rolle spielen, indem er sie mitgestaltet und einen sinnvollen Beitrag zur gemeinsamen Aufgabe leistet. Leben und Arbeiten befinden sich im Gleichgewicht.

Dieses gute Leben ist im Übrigen kein Rückfall in die Steinzeit – damals war es, nach allem, was man weiß, keineswegs besonders gemütlich und friedlich –, sondern eine Zukunftsvision. Ein gutes Leben für 7 Milliarden Menschen auf der Erde, das muss das große Projekt sein, dem wir alle unsere Kraft und Intelligenz und Kreativität widmen können. Ein gutes Leben für alle, innerhalb der ökologischen Grenzen des Planeten.

Das klingt zu schön, um wahr zu sein. Das klingt nach Gutmenschentum und Naivität. Da wird sofort der Vorwurf laut, der Mensch solle umerzogen werden. Jackson beschreibt aber die Seele des Menschen als eine Quadranten, einen Kreis mit 4 Sektoren: da stehen sich einerseits Egoismus und Altruismus gegenüber, andererseits das Festhalten an der Tradition und die Lust auf Neues. Alle diese Eigenschaften haben sich in der Evolution bewährt – in unterschiedlichen Situationen, in unterschiedlichem Ausmaß. Mal waren die Ellbogen wichtiger, mal der Zusammenhalt in der Gruppe. Mal war es notwendig, wirklich neue Wege zu finden, mal war es sinnvoll, auf das Wissen der Tradition zurückzugreifen. Das Industriezeitalter und die mit ihm einhergehende Konsumkultur haben diese Balance gestört und einseitig, zur Steigerung des Wachstums, auf Innovation und Egoismus gesetzt. Darüber scheinen wir vergessen zu haben, dass der Mensch von Natur aus keineswegs nur auf den eigenen Vorteil bedacht, sondern auch zur Hilfsbereitschaft in der Lage ist, und zwar in hohem Maße, das bestätigt uns die Forschung jeden Tag. Die Fähigkeit des Menschen zur Kooperation dient seinem eigenen Interesse, sie war sein Wettbewerbsvorteil in der Evolution. Als kooperativer Egoist hat er es weit gebracht. Und er wird sich auch in Zukunft an gemeinsamen Projekten beteiligen, wenn er sieht, dass sie dem eigenen Überleben dienen.

Es geht also nicht um Verzicht oder Umerziehung, sondern um Befreiung von einseitigen Vorstellungen, um das Hervorholen vergessener Eigenschaften und Möglichkeiten und eine neue Balance zwischen Gemeinnutz und Eigennutz, um eine Chance für den Menschen, wieder rund und ganz zu sein.

Kulturelle Vielfalt als Ressource für die Zukunft

Wollen wir die eigene kulturelle Brille in ihren Verzerrungen und Beschränkungen erkennen, ist es ebenfalls hilfreich zu schauen, wie es die anderen Kulturen machen. Finden wir irgendwo Antworten auf die Fragen der Welt, die in der jetzigen Situation vielleicht besser passen als unsere? Die helfen könnten, ökologische Grenzen zu akzeptieren, unsere Aktivitäten der Endlichkeit des Planeten anzupassen? Kulturelle Setzungen wie „Macht euch die Erde untertan“ oder „Seid fruchtbar und mehret euch“ haben sich als überholt erwiesen; es lässt dagegen aufhorchen, wenn ein Staat wie Ecuador 2008 beschließt, die Rechte der Natur in die Verfassung aufzunehmen. Ist da vielleicht jemand klüger? Und verfügt über  Bilder und Wertvorstellungen, die wir jetzt gerade brauchen?

Fortschritt war für viele bislang immer ganz selbstverständlich der westliche Weg. Sind wir da nicht ein bisschen einseitig gepolt? Ist Fortschritt überall das Gleiche? Ist unsere Modernität für alle gültig? Ich zitiere aus der „Allgemeinen Erklärung zur kulturellen Vielfalt“ der UNESCO:

„Im Lauf von Zeit und Raum nimmt die Kultur verschiedene Formen an. Diese Vielfalt spiegelt sich wieder in der Einzigartigkeit und Vielfalt der Identitäten, die die Gruppen und Gesellschaften kennzeichnen, aus denen die Menschheit besteht. Als Quelle des Austauschs, der Erneuerung und der Kreativität ist die kulturelle Vielfalt für die Menschheit ebenso wichtig wie die biologische Vielfalt für die Natur. Aus dieser Sicht stellt sie das gemeinsame Erbe der Menschheit dar und sollte zum Nutzen gegenwärtiger und künftiger Generationen anerkannt und bekräftigt werden.“

Die Erklärung setzt also die Vielfalt (Diversität) der Kulturen der Vielfalt der Arten in der Evolution des Menschen gleich. Damit definiert sie ebendiese Vielfalt der Kulturen als eine unverzichtbare Ressource für die Zukunft der Menschheit. Das könnte, zu Ende gedacht, für die westlichen Kulturen ein harter Brocken sein. Unser Weg war doch immer der beste, der einzig mögliche! Vielleicht ist es an der Zeit, gelegentlich vom hohen Ross unserer Überlegenheit herunter zu steigen und uns von anderen eine Scheibe abzuschneiden.

Der Fächer der Optionen

Die Süddeutsche Zeitung brachte vor kurzem einen Artikel über die erstaunliche Entwicklung in Lateinamerika. Innerhalb von zwei Jahrzehnten hat man sich dort aus der dunklen Zeit der Diktaturen befreit und kann inzwischen auch wirtschaftlichen Erfolg verzeichnen. Der Kontinent habe offenbar, so der Tenor des Artikels, „den Wandel nicht in Nachahmung, sondern in wachsender Distanz zum westlichen Leitbild geschafft“. Das magisch-mythische Denken befähige „die Völker, einen Begriff der Vernunft zu formulieren, der Intuition und Empathie zulasse und die Abstraktion des rationalen Universalismus überwinde, der Grundlage des westlichen Kapitalismus sei.“ Lateinamerikas neue Konzepte zum „buen vivir“ – dem guten Leben – sind dem westlichen Denken in vieler Hinsicht fremd; in der gegenwärtigen Werte- und Klimakrise könnten sie aber auch für Industrienationen Denkanstöße geben.

Dies ist nur ein Beispiel, es gibt viele andere. Viel zitiert wird das kleine Land Bhutan im Himalaya mit seinem „Glücksindex“ bzw. dem „Bruttonationalglück“. Auch wenn uns das Leben dort völlig unvereinbar mit dem unseren erscheint, so ist es doch wichtig festzuhalten, dass unsere Art zu leben nicht die einzig mögliche und vor allem nicht die allein seligmachende ist. Es gibt einen Fächer der Optionen. Dies wird uns gerade angesichts des Arabischen Frühlings schmerzhaft bewusst. Wir haben die Revolutionen dort mit großer Sympathie begleitet. Aber wenn wir ehrlich sind, haben viele von uns ganz selbstverständlich angenommen, dass die Sehnsucht nach Freiheit, die sich dort Bahn brach, sich unserer westlichen Werte und Vorstellungen bedienen wird. Und nun ist von Scharia die Rede und von islamischen Banken, die keinen Zins nehmen dürfen. Unsere Enttäuschung entspringt unserer Naivität, ist unseren kulturellen Scheuklappen geschuldet. Angesichts der Entwicklung kommt auch Angst auf. Die sollte uns aber nicht davon abhalten, zu erkennen, dass es mehr Möglichkeiten gibt, als wir denken.

Erstaunlich erscheint uns auch das kleine Land Norwegen in seiner Reaktion auf den Terrorangriff eines Rechtsextremen am 22. Juli letzten Jahres. Da wurde nicht nach Vergeltung gerufen wie nach 9/11 in den USA, auch nicht nach mehr Sicherheit auf Kosten der Freiheit, wie bei uns. Dort stützte und tröstete man sich gegenseitig und hielt zusammen und demonstrierte mit Millionen von Rosen, dass man dem Terror keinen Raum geben wollte. Und jetzt wird der Massenmörder täglich mit Handschlag im Gericht begrüßt; man lässt sich in den eigenen Werten nicht beirren. Eine reife, eine zukunftsfähige Reaktion, die wohl nur in einer Kultur der Offenheit und Solidarität möglich ist. In Oslo manifestierte sich ein Wir, das keinen Gegner braucht, ein Wir, das zusammensteht für ein gemeinsames Projekt.

So ein Wir brauchen wir auch für das große gemeinsame Zukunftsprojekt einer Nachhaltigen Entwicklung. Wie können die jetzt 7 Milliarden Menschen auf einem endlichen Planeten ein gelingendes Leben führen? Für dieses Projekt müssen wir Menschen weltweit alles zusammennehmen, was wir wissen – aus allen Kulturen, aus der Vergangenheit; mit dem Wissen und den Möglichkeiten von heute, mit aller verfügbaren Kreativität für die Zukunft. Das darf und soll nicht heißen, die eigene Kultur über Bord zu werfen. Im Gegenteil: nur wer in der eigenen Kultur verwurzelt ist, kann sich anderen angstfrei öffnen. Auch unsere eigene Kultur ist Teil der weltweiten Vielfalt, von der die UNESCO-Konvention spricht, und verdient es, geschützt und bewahrt zu werden. Wenn diese Konvention die Vielfalt der Kulturen eine „Quelle des Austauschs, der Erneuerung und der Kreativität“ nennt, dann regt sie auch an, in der Vielfalt die Einheit zu erkennen, das gemeinsame Interesse des globalen Wir. Das zu lernen und zu spüren, das eigene Unverwechselbare in Wechselwirkung mit dem großen Ganzen, das ist eine zentrale Aufgabe für die Zukunft. Das ist die Kulturleistung, die wir erbringen müssen.

Auch in der Kulturpolitik. Das kürzlich erschienene Buch „Der Kulturinfarkt“ hat in ein kulturpolitisches Wespennest gestochen. Ich will gar nichts zu Sinn und Unsinn der Thesen dieses Buches sagen; ich will nur ein großes Versäumnis feststellen. Dieses Buch denkt nicht wirklich nach über die Aufgabe von Kulturpolitik, und von Politik überhaupt. Politik ist die Ebene, auf der wir diskutieren, wie wir leben wollen; die wichtigste Ebene, denn da wird über unsere Zukunft entschieden. Sie steht über dem Markt, denn auch dieser Markt muss dem guten Leben dienen. Kulturpolitik ist Mentalitätspolitik und die stärkste soft power überhaupt (Max Fuchs). Sie ist ein wirkmächtiges Politikfeld, das wir verantwortungsvoll nutzen wollen. Sie wird gebraucht für die große Transformation hin zu nachhaltigen Lebens- und Wirtschaftsweisen, sie muss Teil der integrierten Nachhaltigkeitsprozesse sein. Die Stadt, unser wunderbarer Tagungsgegenstand, ist dafür Raum und Spielfeld: Die kulturelle Bedingtheit des eigenen Handelns erkennen. Offen sein für das ganz Andere, evolutionäre Kompetenz entwickeln. Das Wir in der Stadt und das globale Wir verbinden. Einheit in der Vielfalt. Keine leichte Übung, aber eine notwendige, und heilsam gegen den Infarkt. Und eine große Aufgabe für uns alle.

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